Besprechung des Konzertprogrammes ORA in der Martin-Luther-Kirche
13. März 2010 – 19.30 Uhr


Erstaunlich, in welch andere Welten der Ulmer Kammerchor „d’accord“ unter musikalischer Leitung von Markus Romes versetzen kann:
Zuerst ein Introitus im wahrsten Sinne des Wortes! Rechts und links durch die beiden Mittelgänge der Kirche ertönt eine Kanonkomposition von Palestrina, der Chor zieht singend von beiden Seiten ein und schreitet feierlich dem Altar zu, auf dem zwei Kerzen brennen. Die Lichter deuten an, dass man im Horizont des Geistlichen sich bewegt, dass Gott in besonderer Weise gegenwärtig ist. Mit dem Chor wandert der Klang durchs holzvertäfelte Kirchenschiff. In klassischer Kammerchoraufstellung - die zwölf Sopran- und Altfrauen rahmen die sechs Männer - hebt dann eine Messvertonung an: wieder Palestrina. Jetzt mit dem fein abgestuften Klangbild, das man auf diesem Urgrund päpstlicher Kirchenmusik erwartet. Nichts schrilles, nichts schreckendes, nur der Trost von weich auf- und abschwellenden menschlichen Stimmen: „Kyrie, elesion“ – „Gott, hab Erbarmen mit den Menschen!“
So leitet der Chor das abendliche Programm ein, das unter dem Stichwort „Ora - bete“ viele wichtige Gebetestexte der christlichen Tradition versammelt und bündelt: Gebete der hebräischen Bibel, Gebete der christlichen Messe, das Herrengebet, aber auch moderne Bitten an Gott. Und man merkt, dass beim Chor eine gemeinsame Vision vom klassischen „Palestrinaklang“ einfach da ist: die Dynamik ist perfekt ausgewogen, der Klang der Stimmen erinnert an Samt, alle Stimmen verschmelzen homogen ineinander, keine Einzellichter blenden. So mag das in der Renaissance geklungen haben!
Dann Allegri mit seinem Bußgebet: „Miserere“. Markus Romes erzählt zuvor schmunzelnd die Geschichte des jugendlichen Wolfgang Amadeus, der bei seinem Besuch in Rom das Paradestück der Sixtinischen Kapelle mit den Ohren abgeluchst hat. Er erzählt, wie es dann - verbotenerweise – in Druck kam und wie es somit in Europa nachgesungen werden konnte. Jeder konnte sich damit das Aufführungsmaterial beschaffen, die römische Exklusivität war gebrochen, das Monopol zerschlagen.
Auch die leicht gekürzte Fassung in der Martin-Luther-Kirche, die d’accord präsentiert, lässt den eigenen Glanz dieses musikalischen Psalmgebetes spüren. Da plätschert in munterem kirchlichen Parlando der lateinische Gebetstext der Choralschola dahin; man wähnt, vor einem gut eingespielten Mönchskonvent zu sitzen, der dieses Gebet am Morgen, am Mittag und am Abend in gregorianischer Routine täglich vor Gott bringt. Aber auch nein, das sind im wirklichen Leben ja keine armen und keuschen Mönche, die sich in ihrem Konvent in Gehorsam gegenüber ihrem Abt zusammengeschlossen haben, sondern das sind Menschen mit ganz alltäglichen Berufen und Menschen, die mit zwei Beinen im harten Wirtschaftsleben der Neuzeit stehen: Dienstleister, Designer, Gastronomen, Verwaltungsangestellte, - eben Ulmer Laien in einem Kammerchor.
Aber dieses in Irdische Verstrickte lässt ihr Gesang an der Stelle des Abends tatsächlich vergessen. Die Klosterillusion gelingt perfekt, ja, es klingt, mönchisch, vatikanisch, oder, sagen wir „sixtinisch“.
Und dann kommen zum männlichen Ton der Gregorianik die drei solistisch singenden Frauen dazu, die den Part der legendären Kastraten singen. Mehrfach wird das „Hohe C“ angesteuert, sehr elegant, nie schrill und pfeifend, frei von flackerndem Vibrato und man freut sich jedes Mal, wenn dieses kleine absteigende Motiv aus absoluten himmlischen Höhen intonationssicher heruntersteigt. Es ist der Klang, an dem sich wohl schon Goethe ergötzte und mit ihm Tausende anderer prominenter und weniger prominenter Rompilgern über viele Generationen. Schön, dieses Schmuckkästchen päpstlicher Musikkultur ausgerechnet in einer Lutherkirche zu hören!
So wandert der Chor durch alle wesentlichen Epochen der Musikgeschichte weiter: nach der strengen Welt der kontrapunktischen Kirchentöne und der alten Tonarten öffnet sich freudig beschwingt das helle Tor zur Wiener Klassik. Mit Franz Schuberts Lied an die Sonne trifft der Chor rasch den heiteren, sonnigen Ton, den man aus der musikbesessenen Donaustadt erwartet.
Und schon wieder gilt es für den Chor, die „Garderobe aus Klang“ zu wechseln. Rheinbergers Abendlied fordert ganz den romantischen Kammerchor, der spannungsvolle Septimen eine halbe Ewigkeit als Vorhalt auskostet und die abgeschatteten Klänge der harmonisch filigranen Komposition nachvollzieht. Auch das kein Problem für die Sängerinnen und Sänger, die sich stets sehr bewusst gegenseitig wahrnehmen und die, das merkte man beim Abendlied besonders, auch den Klang ihres Chores selbst lieben und schätzen.
Und sie ringen wohl gemeinsam um die Details heller und dunkler, leuchtender und abgeschatteter Vokalfarben.
Sie folgen präzise den anspruchsvollen Klang-, Tempo- und Dynamikvorstellungen ihres Chorleiters, der mit seinen Händen eindrücklich die Musik formt und deutet.
Markus Romes hat als Chorerzieher und begnadeter Dirigent sehr gute Arbeit auf der ganzen Linie geleistet: stimmbildnerische ist der Chor vorzüglich aufgestellt, auf das obligatorische Textblatt kann man getrost verzichten, denn man versteht auch sprachlich, was der Chor singt. Gegen Ende begleitet Hans-Martin Braunwarth den Chor mit der Orgel und der Chor wechselt noch einmal den Standplatz. Braunwarth hat vor allem französische Orgelmusik ausgewählt und es wird klar, das man mit der erneuerten Walcker-Orgel auch links des Rheins bestehen kann. Zugleich zeigt Braunwarth, dass er in jeder Hinsicht ein glückliches Händchen im Umgang mit französischer Kathedralmusik besitzt. Dann erklingt Puccini mit italienischem Schmelz und die Orgel zeigt ihre spätromantische Seite. Streichende Register stimmen in den Gesang des Requiem mit ein und die berühmten Walcker’schen Jalousieschweller leisten ganze Arbeit!
Bei Arvo Pärt lehnt sich der Chor dann buchstäblich in die Orgel hinein, blüht zu oratorienhaften Großklängen auf und lässt es einen kleinen Moment einmal auch auf eine Kraftprobe mit der erneuerten Orgel ankommen. Schön, dass im Chor so viel Energie und Vitalität nach eineinhalbstündigem Konzertieren noch da ist! Begeisterter Beifall nach dem Durchgang durch fünf Jahrhunderte Kirchenmusikgeschichte.

Andreas Wiedenmann

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