Konzert / Auf den Spuren Michelangelos
Das Genie seiner Epoche
Autorin: Christa Kanand


Chormusik, Texte und Bildprojektionen verschafften in der vollen Hörvelsinger Martinskirche einen Zugang zu Michelangelo, dem Genie der Renaissance.
Das Bedürfnis nach Konzerten, die die übliche Darbietungs-Enge sprengen, ist groß, weiß Markus Romes. Der vielseitige Musiker und Theatermann ersann zusammen mit dem Ensemble „Der Chor“, der in den fünf Jahren unter Leitung von Romes beachtlich an Profil gewonnen hat, das Projekt „Ich, Michelangelo“: Michelangelo Buonarotti (1475 bis 1564), italienischer Bildhauer, Maler, Baumeister und Dichter.
Ein auf Leinwand porjiziertes Porträt des hochbetagten Allrounders empfing den 21-köpfigen, recht jung besetzten Chor, der mit Palestrinas „Illumina oculos meos“ in die vollbesetzte Hörvelsinger Martinskirche zog. Gute Akustik und spätmittelalterliche Wandfresken gaben den Rahmen für das fesselnde Unterfangen einer Annäherung an Leben und Schaffen eines der umfassendsten Genies der abendländischen Kunst.
Ein musikalisches Porträt der Renaissance-Epoche entwarf stilsicher der Chor. Klangschön und dynamisch differenziert ließ Markus Romes vierstimmige geistliche A-capella-Motetten von Praetorius, Monteverdi und Orlando di Lasso singen. Volkstümliche Madrigale wie das scherzhafte „Bonzorno Madonna“ (Antonio Scandello) oder di Lassos Liebeslied „O occi, manza mia“ verknüpften sich im lebhaften Wechsel mit vorgetragenen Texten und projizierten Bildern.
Wilhelm Kächele steuerte Betrachtungen von Skulpturen oder von Ausschnitten der Decken-Fresken der Sixtinischen Kapelle bei, deren Ausmalung Michelangelo als „Plackerei“ beschrieb. Mit Anekdoten und Biografischem skizzierte Kächele den Begnadeten, der zeitlebens an seinem Mythos als Künstler-Märtyrer selbst mitgebastelt hatte. Seine Gedichte voller Liebessehnsüchte zum weiblichen wie männlichen Geschlecht, aber auch voller Selbstmitleid und Melancholie trug Margarete Lamprecht vor. Und Hans Lang bediente hörenswert die Drehleier.
Eigentlich sind Mozarts „Ave verum“ und Bruckners „Locus iste“ echte Hits, doch an diesem Abend wirkten sie deplatziert. Ganz anders der Gegenpol der Moderne: Mit expressiver Frische wurden „Odi et amo“ aus Orffs „Catulli Carmina“ und Arvo Pärts schwieriges „De profundis“ interpretiert, wobei die Bassstimmen sowie Hans Grözinger mit großer Trommel, Röhrenglocke und Tam-Tam Pärts Klangwelt von magischer Intensität eindrucksvoll vertieften. Am Schluss gab es langen und herzlichen Applaus.

Südwest Presse, 05.11.2005

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