Chöre / Gedenken an Tschernobyl in der Pauluskirche und im Stadthaus
Mahnmal wider das Vergessen
Autorin: Christa Kanand


Am 20. Jahrestag der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl gastierten in der Pauluskirche zwei Ensembles aus der Ukraine. Im Stadthaus krönten die Chöre „Kontrapunkt“ und „d’accord“ ihr Benefizkonzert mit der Uraufführung „Fadensonnen“ von Markus Romes.
Hunderte Kerzenlichter bildeten in der Dunkelheit auf dem Münsterplatz das Symbol für Radioaktivität. Tschernobyl, dieser Name steht für das, was nie hätte passieren dürfen: Die weltweit größte Reaktor-Katastrophe, an deren Folgen immer noch Menschen sterben. Die Angst hat viele Stimmen, das Mahnmal gegen das Vergessen auch. Zeitgenössische Chorwerke standen im Mittelpunkt von zwei Konzerten anlässlich des 20. Jahrestages der Katastrophe von Tschernobyl – in der Pauluskirche mit ukrainischen Gästen und im Stadthaus mit hiesigen Künstlern.
Als Kinder und Jugendliche erlebten viele Mitglieder des Kammerchors „Glorya“ und des Kammerorchesters „Leopolodis“ aus dem ukrainischen Lemberg (Lviv) das Reaktorunglück, zum Glück in einer Entfernung, die das Schlimmste verhinderte. Die beiden weltweit tätigen Ensembles machten in der Pauluskirche im Rahmen einer kleinen Tournee mit ihrer Klasse und mit eher selten zu hörenden Werken bekannt.
Deren oft sperrige Modernität oder romantisch-verklärende Ummäntelung war nach dem von Peter Marx dirigierten Auftakt mit „Reflexionen über die Motette nach Psalm 139“ für Streichorchester seines Vaters Karl Marx, des 1985 verstorbenen Stuttgarter Musikhochschulprofessors, gewiss nicht jedem Konzertbesucher leicht zu vermitteln. Und doch dem Anlass gerecht.
Feierlich-ernst die „Berliner Messe“ des Esten Arvo Pärt, Mysterien, Brüche und Dissonanzen, mal zornig, mal kontemplativ oder betend vom Chor gesungen. An Volodymy Syvohip wechselte das Dirigat für die beiden ukrainischen Kompositionen „Requiem“ von Alesander Schtinskij und „L’Annonciation“ (Die Verkündigung) von Jury Lanyuk, aus deren aufwühlender Tutti-Klangmaschinerie die Violinistin Iryna Frenkel sich in lichte Sphärenhöhen schwang. Das war große russische Schule beim Orchester und meisterhafte Chorkultur.

Anti-Atomkraft-Plädoyer

Ganz anders war die Stimmung im proppenvollen Stadthaus, wo auch 4000 € an die Tschernobylhilfe Langenau übergeben wurden. „The Earth ist my mother“ – mit dieser Navajo-Indianer-Melodie verkündeten die 60 Stimmen von „Kontrapunkt“ und „d’accord“ das Motto des gemeinsamen Anti-Atomkraft-Projekts aus Konzert und Lesungen Arvo Pärts stilbestimmende glockenhafte Dreiklang-Technik bot Igor Beketov am Flügel in sechs „Variationen zur Gesundung von Arinschka“ im Wechsel mit Chorsätzen von „d’accord“. Eine Klangpalette, die gut inszeniert von Pärts „The Beatitudes“ über Carl Orff, Mikis Theodorakis („Klagelied des Regens“) Josef Rheinberger („Abendlied“) bis zum gemeinsamen Louis-Armstrong-Hit „Wonderful World“ reichte.
Gedanken zum Gedenken machten besonders im zweiten Teil betroffen. Zum einen durch Zeitzeugenberichte (mit verteilten Rollen) von Tschernobyl-Opfern. Zum anderen erinnerte der Chor „Kontrapunkt“ unter Carl Joseph Scheck (Ronald Makowitzky am Flügel) in „Japanische Fischer“ und „Hiroschima“ an die Grauen der Atombomben. Starke Texte, packende Musik.
Mit Vorsängerin, Tröten und Taschenlampen hatten „Kreatur Natur“ Biss und Galgenhumor. Zwar hieß es dort „der Letzte macht das Licht aus“, doch zuvor einte Markus Romes beide schlagkräftigen Chöre für die Uraufführung seines 15-minütigen Trauergesangs „Fadensonnen“. Mächtige Unisono-Passagen, Cluster, Intervall-Engführungen formen um Paul Celans Gedicht einen faszinierenden Klangstrom, der sich („es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen“) über dem Tastenmeer (Igor Beketov) zwischen Windgebraus und Klagelauten in Sphärenklängen verliert.
Minutenlanger Applaus für alle Mitwirkenden.

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